Ana Sofía Ríos Infante: Zwischen Wissenschaft, Selbstfindung und Gemeinschaft
- 24. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Im Rahmen unserer Kampagne zum 10-jährigen Jubiläum von Frauenalia, „10 Frauen, 10 Stimmen“, stellen wir heute Ana Sofía Ríos vor. Eine Frau, deren Weg von Neugier, Mut und Veränderung geprägt ist – und die in Deutschland nicht nur beruflich, sondern auch persönlich gewachsen ist. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, den eigenen Weg mit Geduld, Offenheit und Selbstvertrauen zu gehen.
Von Monterrey nach Berlin: Ein Weg voller Neugier
Ana Sofía wurde in Monterrey, Mexiko, geboren und wuchs in einer sehr engen, liebevollen Familie auf. Gemeinsam mit ihren Eltern und zwei Schwestern lebte sie an verschiedenen Orten in Mexiko, weil ihr Vater berufsbedingt mehrfach umziehen musste. Schon früh lernte sie dadurch, Veränderungen als Teil des Lebens zu verstehen.
Nach ihrem Medizinstudium in Mexiko entschied sie sich bewusst für einen neuen akademischen Weg. Nicht, weil sie keine Patient:innen behandeln wollte, sondern weil sie sich für Forschung, andere Lebensmodelle und neue Horizonte interessierte. Ihr besonderes Interesse galt schon immer dem Gehirn, den Neurowissenschaften und dem Lernen über andere Kulturen und Sprachen.
Im September 2018 kam sie nach Berlin, um an der Charité den Master in medizinischen Neurowissenschaften zu beginnen. Was als nächster Schritt der Ausbildung gedacht war, wurde schnell zu einem neuen Lebensabschnitt. Später blieb sie in Deutschland auch aus persönlichen Gründen und begann ihre Promotion, die sie heute fast abgeschlossen hat. Derzeit arbeitet sie in einem Unternehmen im Bereich kognitives Training.
Die ersten Monate: Freiheit und Einsamkeit zugleich
Die ersten Monate in Deutschland beschreibt Ana Sofía als eine Mischung aus Faszination und Kulturschock. Einerseits genoss sie das Gefühl von Freiheit, das sie in Berlin spürte – selbst kleine Dinge wie allein nachts unterwegs zu sein, empfand sie als etwas Besonderes. Andererseits war da auch Einsamkeit: die Entfernung zur Familie, der graue Winter, die frühen Sonnenuntergänge und das Gefühl, in einem Land zu sein, in dem man sich sein Leben erst selbst aufbauen muss.
Besonders herausfordernd war für sie die Erkenntnis, dass Integration nicht automatisch bedeutet, überall mit offenen Armen empfangen zu werden. Stattdessen lernte sie, sich ihren Platz selbst zu gestalten – Schritt für Schritt, mit Geduld und viel innerer Arbeit.

Ankommen, wachsen und sich nicht verlieren
Rückblickend beschreibt Ana Sofía ihre Integration als vergleichsweise reibungslos – vor allem, weil sie im Rahmen ihres Studiums gute Freundschaften knüpfen konnte und später ihren heutigen Ehemann kennenlernte. Durch ihn lernte sie weitere Menschen kennen, fand Anschluss an eine neue Gemeinschaft und verbesserte gleichzeitig ihr Deutsch.
Trotzdem blieb die innere Herausforderung bestehen: die Angst vor Fehlern, besonders im Deutschen oder in sozialen Situationen. Für Ana Sofía war es wichtig zu lernen, sich anzupassen, ohne sich selbst zu verlieren. Nicht ständig perfekt sein zu wollen, sondern sich zu erlauben, auch mal unvollkommen zu sein. Genau darin sieht sie bis heute einen ihrer wichtigsten Entwicklungsschritte.
Zwischen Wissenschaft und Arbeitswelt
Ihr beruflicher Weg in Deutschland begann im akademischen Bereich. Zunächst arbeitete sie als studentische Hilfskraft, später promovierte sie und war als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Aus dieser Zeit nahm sie eine wichtige Erfahrung mit: Man muss lernen, für sich selbst einzustehen.
Sie erzählt, dass gerade an Universitäten unbezahlte oder schlecht geregelte Arbeit häufig vorkommt und dass man sich in solchen Kontexten aktiv behaupten muss. Dass ihr damaliger Betreuer sie unterstützte und ihr eine Möglichkeit eröffnete, nachdem ihr Stipendium ausgelaufen war, empfand sie als sehr prägend. Es zeigte ihr, wie wichtig gute Begleitung, aber auch die eigene Stimme im beruflichen Umfeld sind.
Heute erlebt sie ihren aktuellen Job als einen weiteren Schritt ihrer Integration in den deutschen Arbeitsmarkt. Der Übergang von der Forschung in die Industrie bedeutet für sie nicht nur einen Branchenwechsel, sondern auch eine neue Welt mit klareren Regeln, Rechten und Strukturen.

Frauenalia als Raum der Stärkung
Frauenalia lernte Ana Sofía über LaRed kennen, als sie sich gerade beruflich neu orientieren musste. Ihr Vertrag als wissenschaftliche Mitarbeiterin war ausgelaufen, und sie merkte, dass es Zeit war, sich auf den nächsten Schritt vorzubereiten.
Bei Frauenalia fand sie genau das, was sie in dieser Phase brauchte: Orientierung, ehrlichen Austausch und einen Raum, um wieder aus dem eigenen Kopf herauszukommen.
Sie beschreibt die Arbeit mit Frauenalia als hilfreich, um die eigene Stärke und die eigenen Prioritäten klarer zu sehen. Besonders wertvoll war für sie auch das Gefühl von Gemeinschaft – das Wissen, mit anderen Frauen verbunden zu sein, die ähnliche Fragen, Unsicherheiten und Ziele haben.
Wenn sie Frauenalia mit einem Wort beschreiben müsste, sagt sie ohne Zögern: Gemeinschaft.
Eine Botschaft an migrantische Frauen
Ana Sofía möchte anderen Frauen mit auf den Weg geben, geduldig mit sich selbst zu sein. Migration, berufliche Neuorientierung und Ankommen in einem neuen Land brauchen Zeit – oft mehr, als man erwartet. Gleichzeitig betont sie, wie wichtig es ist, sich mit anderen Frauen zu verbinden, sich Unterstützung zu suchen und nicht alles alleine tragen zu wollen.
Ihr Rat an Frauen, die sich in Deutschland verloren oder allein fühlen: offen bleiben, sich nicht von Vorurteilen leiten lassen und sich auch selbst Raum für Traurigkeit, Pausen und Erholung geben. Nicht jeder Prozess ist linear. Und genau darin liegt auch die Stärke.

Zwischen Pause und Neubeginn
Besonders stolz ist Ana Sofía darauf, sich im vergangenen Jahr nach dem Ende ihres Vertrags eine Pause erlaubt zu haben. Sie berichtet offen von einer Phase des Burn-outs und davon, wie wichtig es war, ihre Gesundheit an erste Stelle zu setzen. Diese Entscheidung, innezuhalten, Kraft zu sammeln und die nächsten Schritte bewusst zu definieren, hat sie stärker und selbstbewusster gemacht.
Heute spürt sie deutlicher als früher, dass sie Entscheidungen aus eigener Überzeugung trifft – und nicht nur danach, was gesellschaftlich erwartet wird. Für sie bedeutet das, ihren eigenen Weg zu gehen.
Ein Traum von Authentizität und Ankommen
Für die kommenden Jahre wünscht sich Ana Sofía vor allem, ihren medizinischen Abschluss in Deutschland anerkennen zu lassen und als Ärztin zu arbeiten. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, in einem Umfeld tätig zu sein, in dem sie sich wertgeschätzt und stimuliert fühlt. Denn für sie ist Wohlbefinden ein zentraler Maßstab für Erfolg.
Ihr größter Traum ist jedoch ein sehr persönlicher: einfach sie selbst sein zu dürfen – ohne Scham, ohne Angst davor, was andere denken könnten. Sie weiß, dass sie in Deutschland bereits viel gefunden hat: ihren Mann, ihre neue Familie, gute Freundschaften und einen Ort, an dem sie wachsen konnte.

Ana Sofía Ríos erinnert uns daran, dass Ankommen nicht nur bedeutet, irgendwo zu leben, sondern sich selbst treu zu bleiben. Ihre Geschichte ist Teil von „10 Frauen, 10 Stimmen“ und damit Teil der Feier unseres 10-jährigen Jubiläums.




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